Deep Search - Politik des Suchens jenseits von Google

Der Wiener Internetaktivist Konrad Becker kritisiert im Interview mit WELT ONLINE die Suche von Google. Es geht um das Erlangen eines Nutzerprofils. Manche Verknüpfungen von Daten sind für ihn hochproblematisch. Auch hat er Zweifel, ob Apple der wahre Freund der Kulturschaffenden ist [...]

WELT ONLINE: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Deep Search“ herausgegeben. Untertitel: „Politik des Suchens jenseits von Google“. Kann es ein User-Leben ohne Google geben?

Becker: Google ist nur ein Symptom der Sehnsucht, des Bedürfnisses und auch der politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeit, Daten zu ordnen.

WELT ONLINE: Google ordnet seine Antworten nach dem Page-Rank-Prinzip. Als bestes Suchergebnis gilt die Seite, auf die am häufigsten verlinkt wird. Ist das eine sinnvolle Art von Wissensorganisation?

Becker: Sie ist nicht nur nicht notwendigerweise sinnvoll, sie ist sogar sehr problematisch. Informationslandschaften sind reich, wenn sie über Vielfalt, sozusagen über Biodiversität verfügen. Das Page-Rank-Prinzip aber nimmt dem Aufmerksamkeitsarmen und gibt dem Aufmerksamkeitsreichen. Das führt zu einer Verarmung. Es kommt zu Schleifenbildungen. Ein Phänomen, das die Folksonomien noch verstärken. [...]
WELT ONLINE: Die Suche wird zunehmend personalisiert. Das eigene Suchverhalten von gestern beeinflusst die angebotenen Suchergebnisse von morgen, weil die Maschine den Suchenden kennenlernt. Ist das ein wünschenswerter Fortschritt?

Becker: Einerseits will man ein besseres Suchergebnis, das individuell zugeschnitten ist. Andererseits werden Suchergebnisse immer schwerer überprüfbar, weil man die Veränderungen im Suchergebnis immer auf sich beziehen muss – ob das nun stimmt oder nicht. Google und andere Suchmaschinen pflegen den Mythos einer rein algorithmischen Maschinenlogik, die jenseits aller Beeinflussung läge. Man weiß aber inzwischen, dass an den Suchergebnissen durchaus gedoktert wird. Ganze Redaktionsteams arbeiten daran – wie einstmals der mechanische Türke. Bestimmte Ergebnisse tauchen plötzlich hoch oben im Ranking auf und verschwinden dann wieder. [...]

WELT ONLINE: Googles Geschäftsmodell lautet: Tausche Suchergebnis gegen Konsumentenprofil. Googles zahlende Kundschaft sind die Werbetreibenden, nicht die Suchenden. Ist damit der entscheidende Konstruktionsfehler derzeitiger Suchmaschinen beschrieben?

Becker: Wenn es nur so einfach wäre! Ganz Wien ist voller Gratiszeitungen! Und selbst Qualitätszeitungen müssen ihre Einnahmen nicht durch den Verkauf des Papiers allein erzielen. [...]

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