Klare Sicht für einen Schlag der USA gegen Iran
Victor Kotsev ist freier Journalist und politischer Analyst mit Schwerpunkt Mittlerer Osten. Am 3. Juli veröffentlichte er untenstehend übersetzten Artikel in der »Asia Times«. Wir wollen unseren Lesern diese Analyse und Einschätzung nicht vorenthalten. In den bundesdeutschen Medien wird das bedrohliche Szenario des möglichen dritten Weltkrieges – der sich gerade vor unseren Augen entwickelt – überhaupt nicht analysiert und erörtert. Allerdings ist die entspannte »so-schlimm-wird’s-schon-nicht«-Haltung des Herrn Kotsev anscheinend von einer verblüffenden Naivität.
Man sollte aber bedenken, wo dieser Artikel erscheint: Die »Asia Times« ist die Online-Ausgabe einer chinesischen Zeitung. Die Vermutung liegt nahe, dass durch diesen Artikel eine dringende Empfehlung der Chinesen an die Amerikaner ergeht, den möglicherweise anstehenden Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Ansonsten könnte nicht nur Rußland sich gezwungen sehen, rigoros dazwischen zu gehen.
Die Kriegstrommeln im Mittleren Osten dröhnen. In kürzester Zeit haben die USA die Anzahl ihrer Flugzeugträgerkampfgruppen vor der Küste des Irans auf drei erhöht. Es wimmelt nur so von Berichten, der Ring von amerikanischen und israelischen Truppenkonzentration um die islamische Republik ziehe sich immer enger zusammen.
Auf der diplomatischen Front sind die Israelis ungewöhnlich besorgt um ihr internationales Ansehen – zum Beispiel machen sie nun Konzessionen in Gaza. Derweil pendeln ihre Spitzenpolitiker – einschließlich Verteidigungsminister Ehud Barak und Premierminister Benjamin Netanjahu selbst – hektisch zwischen Jerusalem und Washington hin und her.
Jeder in der Region ist unruhig. Die Türkei vollführt spektakuläre diplomatische Pirouetten, in Ägypten brodelt es leise, in Saudi Arabien weniger leise. Der jordanische König sah im Frühjahr angsterfüllt einen Krieg heraufziehen, wenn bis zum Sommer kein Frieden erreicht werden könne, und der Sommer ist nun gekommen.
Syrien und der Libanon igeln sich vor einem heraufziehenden Sturm ein. Im Jemen herrscht Chaos. Russland, China, Indien und ein paar andere Mächte kabbeln sich darum, aus dem ganzen Aufruhr das Beste für sich herauszuholen. Das Regime des Iran selbst scheint sich für einen Kampf in die Schützengräben einzugraben.
Allem Anschein nach kommt die Katastrophe auf uns zu. Dem Analysten Tony Badran zufolge ist die Situation »wohl die gleiche, die unmittelbar vor dem Israelisch-Arabischen Krieg 1967 herrschte«. Es gibt auch sehr detaillierte Analysen der technischen Einzelheiten eines israelischen Schlags gegen den Iran [...] Allerdings ist all das nur ein Ausschnitt des gesamten Bildes. Ein Angriff auf den Iran wird wahrscheinlich zum Zündfunken eines brutalen und heftigen Konfliktes, der aber relativ kurzlebig bleibt und militärisch ergebnislos enden wird. Es liegt im Interesse der USA, am Ende so wenig Blut wie möglich vergossen zu haben. In der Regel haben Kriege im Mittleren Osten in den letzten 60 Jahren nicht länger als einen Monat gedauert. Der kürzeste und spektakulärste endete nach nur sechs Tagen. Das ist kein Zufall. Niemand in dieser Region – einschließlich Iran und Israel – kann einen ›totalen‹ Feldzug sehr lange aufrechterhalten, und tatsächlich hat auch niemand die Absicht, einen ›totalen Feldzug‹ zu führen. So eine Option wäre viel zu verheerend in Anbetracht des Zerstörungspotentials der modernen Militärtechnologie und bärge das Risiko eines Einschreitens von außen. Russland hat schon wiederholt gewarnt, es werde keinen großen Krieg an seinen Grenzen dulden. [...]
Es ist aber immer noch unklar, ob wenigstens ein großes Blutvergießen vermieden werden kann, und Iran hart getroffen würde. Ob Irak und Afghanistan, die sowieso schon an der Schwelle zum Chaos stehen, zusätzlich destabilisiert werden würden – obwohl ein angenommener Sieg der USA über den Iran der amerikanischen Präsenz eine gewisse Glaubwürdigkeit verschaffen würde. Selbst kleinere Betriebsstörungen bei der Frachtschifffahrt durch die Straße von Hormuz würden Verheerungen in der Weltwirtschaft anrichten.
Trotz all dieser möglichen Probleme könnte Obama eine Chance bekommen, aus der im Großen und Ganzen schlimmen Situation, der er im Mittleren Osten gegenübersteht, etwas zu machen.
Wenn er es schafft, den direkten Fallout (schädliche Auswirkungen) eines Iranfeldzuges zu minimieren und daraus Gewinn in Form eines zumindest teilweisen Fortschrittes in den arabisch-israelischen Friedensgesprächen zu schlagen, könnte der bedrängte US-Präsident einen großen außenpolitischen Erfolg verzeichnen im Ausgleich zu den dunklen Wolken, die überall anders bedrohlich den Horizont verdunkeln. [...]
Die USA stehen wirtschaftlich vor dem Abgrund. Ein großer Krieg käme jetzt gerade recht, um das gesamte System auf Kriegswirtschaft umzustellen, und die letzten Maßnahmen auch noch umzusetzen, die ganzen USA via Kriegsrecht vollkommen unter die Staatsfuchtel zu stellen und alle Reste bürgerlicher Freiheit im Innern zu beseitigen. Die totale Machtergreifung machte die Bahn frei, alle Probleme auf einmal rigoros und rücksichtslos aus dem Weg zu räumen. Mögliche Sezessionsbestrebungen einzelner Bundesstaaten könnten schlagartig beendet werden. Die Teaparty-Bewegung könnte dann in den bereits erbauten FEMA-Lagern weiterfeiern.
Ein großer Krieg erstickt schnell die Unruheherde im Innern. Das ist immer schon ein probates Mittel gewesen. [...]
Es gibt noch eine weitere Dimension, die für uns Europäer kaum vorstellbar ist. Der religiöse Fundamentalismus bei den Eliten in den USA ist für uns Westeuropäer etwas Unverständliches, gleichwohl aber vorhanden. So wie Kongressabgeordnete kürzlich öffentlich darüber philosophierten, die Ölkatastrophe im Golf sei »Gottes Wille«, gibt es auch einflussreiche Kreise in der Regierung, die es als ihre Aufgabe sehen, das biblische und gottgewollte »Armageddon», die Erfüllung der Offenbarung des Johannes, die alles vernichtende Schlacht, herbeizuführen. Welchen Einfluss diese Kreise auf die Art und Weise einer Kriegsführung gegen den Iran hätten, ist schwer abzuschätzen.
Europa wurstelt sich durch eine Finanzkrise und schaut weg, Deutschland diskutiert, ob wir bei der Fußballweltmeisterschaft ins Endspiel kommen und gegen wen. [...]
Weiterlesen / Quelle
Originalquelle (englisch): http://atimes.com/atimes/Middle_East/LG03Ak01.html
Man sollte aber bedenken, wo dieser Artikel erscheint: Die »Asia Times« ist die Online-Ausgabe einer chinesischen Zeitung. Die Vermutung liegt nahe, dass durch diesen Artikel eine dringende Empfehlung der Chinesen an die Amerikaner ergeht, den möglicherweise anstehenden Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Ansonsten könnte nicht nur Rußland sich gezwungen sehen, rigoros dazwischen zu gehen.
Die Kriegstrommeln im Mittleren Osten dröhnen. In kürzester Zeit haben die USA die Anzahl ihrer Flugzeugträgerkampfgruppen vor der Küste des Irans auf drei erhöht. Es wimmelt nur so von Berichten, der Ring von amerikanischen und israelischen Truppenkonzentration um die islamische Republik ziehe sich immer enger zusammen.
Auf der diplomatischen Front sind die Israelis ungewöhnlich besorgt um ihr internationales Ansehen – zum Beispiel machen sie nun Konzessionen in Gaza. Derweil pendeln ihre Spitzenpolitiker – einschließlich Verteidigungsminister Ehud Barak und Premierminister Benjamin Netanjahu selbst – hektisch zwischen Jerusalem und Washington hin und her.
Jeder in der Region ist unruhig. Die Türkei vollführt spektakuläre diplomatische Pirouetten, in Ägypten brodelt es leise, in Saudi Arabien weniger leise. Der jordanische König sah im Frühjahr angsterfüllt einen Krieg heraufziehen, wenn bis zum Sommer kein Frieden erreicht werden könne, und der Sommer ist nun gekommen.
Syrien und der Libanon igeln sich vor einem heraufziehenden Sturm ein. Im Jemen herrscht Chaos. Russland, China, Indien und ein paar andere Mächte kabbeln sich darum, aus dem ganzen Aufruhr das Beste für sich herauszuholen. Das Regime des Iran selbst scheint sich für einen Kampf in die Schützengräben einzugraben.
Allem Anschein nach kommt die Katastrophe auf uns zu. Dem Analysten Tony Badran zufolge ist die Situation »wohl die gleiche, die unmittelbar vor dem Israelisch-Arabischen Krieg 1967 herrschte«. Es gibt auch sehr detaillierte Analysen der technischen Einzelheiten eines israelischen Schlags gegen den Iran [...] Allerdings ist all das nur ein Ausschnitt des gesamten Bildes. Ein Angriff auf den Iran wird wahrscheinlich zum Zündfunken eines brutalen und heftigen Konfliktes, der aber relativ kurzlebig bleibt und militärisch ergebnislos enden wird. Es liegt im Interesse der USA, am Ende so wenig Blut wie möglich vergossen zu haben. In der Regel haben Kriege im Mittleren Osten in den letzten 60 Jahren nicht länger als einen Monat gedauert. Der kürzeste und spektakulärste endete nach nur sechs Tagen. Das ist kein Zufall. Niemand in dieser Region – einschließlich Iran und Israel – kann einen ›totalen‹ Feldzug sehr lange aufrechterhalten, und tatsächlich hat auch niemand die Absicht, einen ›totalen Feldzug‹ zu führen. So eine Option wäre viel zu verheerend in Anbetracht des Zerstörungspotentials der modernen Militärtechnologie und bärge das Risiko eines Einschreitens von außen. Russland hat schon wiederholt gewarnt, es werde keinen großen Krieg an seinen Grenzen dulden. [...]
Es ist aber immer noch unklar, ob wenigstens ein großes Blutvergießen vermieden werden kann, und Iran hart getroffen würde. Ob Irak und Afghanistan, die sowieso schon an der Schwelle zum Chaos stehen, zusätzlich destabilisiert werden würden – obwohl ein angenommener Sieg der USA über den Iran der amerikanischen Präsenz eine gewisse Glaubwürdigkeit verschaffen würde. Selbst kleinere Betriebsstörungen bei der Frachtschifffahrt durch die Straße von Hormuz würden Verheerungen in der Weltwirtschaft anrichten.
Trotz all dieser möglichen Probleme könnte Obama eine Chance bekommen, aus der im Großen und Ganzen schlimmen Situation, der er im Mittleren Osten gegenübersteht, etwas zu machen.
Wenn er es schafft, den direkten Fallout (schädliche Auswirkungen) eines Iranfeldzuges zu minimieren und daraus Gewinn in Form eines zumindest teilweisen Fortschrittes in den arabisch-israelischen Friedensgesprächen zu schlagen, könnte der bedrängte US-Präsident einen großen außenpolitischen Erfolg verzeichnen im Ausgleich zu den dunklen Wolken, die überall anders bedrohlich den Horizont verdunkeln. [...]
Die USA stehen wirtschaftlich vor dem Abgrund. Ein großer Krieg käme jetzt gerade recht, um das gesamte System auf Kriegswirtschaft umzustellen, und die letzten Maßnahmen auch noch umzusetzen, die ganzen USA via Kriegsrecht vollkommen unter die Staatsfuchtel zu stellen und alle Reste bürgerlicher Freiheit im Innern zu beseitigen. Die totale Machtergreifung machte die Bahn frei, alle Probleme auf einmal rigoros und rücksichtslos aus dem Weg zu räumen. Mögliche Sezessionsbestrebungen einzelner Bundesstaaten könnten schlagartig beendet werden. Die Teaparty-Bewegung könnte dann in den bereits erbauten FEMA-Lagern weiterfeiern.
Ein großer Krieg erstickt schnell die Unruheherde im Innern. Das ist immer schon ein probates Mittel gewesen. [...]
Es gibt noch eine weitere Dimension, die für uns Europäer kaum vorstellbar ist. Der religiöse Fundamentalismus bei den Eliten in den USA ist für uns Westeuropäer etwas Unverständliches, gleichwohl aber vorhanden. So wie Kongressabgeordnete kürzlich öffentlich darüber philosophierten, die Ölkatastrophe im Golf sei »Gottes Wille«, gibt es auch einflussreiche Kreise in der Regierung, die es als ihre Aufgabe sehen, das biblische und gottgewollte »Armageddon», die Erfüllung der Offenbarung des Johannes, die alles vernichtende Schlacht, herbeizuführen. Welchen Einfluss diese Kreise auf die Art und Weise einer Kriegsführung gegen den Iran hätten, ist schwer abzuschätzen.
Europa wurstelt sich durch eine Finanzkrise und schaut weg, Deutschland diskutiert, ob wir bei der Fußballweltmeisterschaft ins Endspiel kommen und gegen wen. [...]
Weiterlesen / Quelle
Originalquelle (englisch): http://atimes.com/atimes/Middle_East/LG03Ak01.html

